Werk- und Wohnhaus zur Weid wird privatrechtliche Stiftung

Stadt Zürich «entlässt» das Werk- und Wohnhaus zur Weid

Stadtrat Martin Waser
Stadtrat Martin Waser

Das Werk- und Wohnhaus tritt ab 1. Januar 2014 als privatrechtliche Stiftung auf. Mit einer Feier verabschiedete die Stadt ihr 101-Jähriges Kind.


Ein Abschied muss nicht traurig sein, auch wenn wehmütige Klänge ertönen. Die Stimmung in den festlich dekorierten, modernen Räumen der Städtischen Dienstabteilung „«Organisation und Informatik“» war fröhlich. Rund 100 Gäste lachten, plauderten, freuten sich, einander wieder einmal zu sehen. Die einen tauschten Erfahrungen aus, andere erzählten sich Anekdoten. Die Reden zum Abschied des WWW und zum Neubeginn waren kurz, die Pointen sassen. Das Essen mundete, war ein Genuss – es wurde von Studierenden der Hotelfachschule Belvoirpark liebevoll zubereitet und gekonnt serviert.


«Abnabelung» lange vorbereitet
Gekonnt verliefen auch die «Vorbereitungen» zu diesem Fest. Die Ausgliederung des Werk- und Wohnhauses zur Weid war von langer Hand geplant und projektiert. Stadtrat Martin Waser (SP) sagte u.a. in einem Interview mit dem Brief aus der Weid 2/13: «Ich habe mir die Institution angeschaut und führte viele Gespräche. Dabei fiel mir ein gewisser Widerspruch auf, nämlich, dass das WWW zwar der Stadt Zürich gehört, jedoch nur noch ein gutes Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner aus Zürich kommt. Hinzu kam die Feststellung, dass sich die Finanzierungsmechanismen – und damit der Markt – im Bereich der Behinderteneinrichtungen in den letzten Jahren verändert hat. Ich habe diese Punkte mit den Verantwortlichen diskutiert, und wir kamen ziemlich bald auf die Idee, dass man das WWW von seinen «‹Fesseln befreien» › sollte, damit es sich als selbstständige Einrichtung auf dem Markt besser positionieren kann.»


Gang durch die Instanzen fällt weg
Operativ verantwortlich für die Ausgliederung des WWW war Reto Gugg, scheidender Direktor der Sozialen Einrichtungen und Betriebe im Sozialamt. Was die «Befreiung von den Fesseln» der Stadt für das WWW konkret bedeutet, erklärte er im selben Interview folgendermassen: «In der Stadtverwaltung ist das WWW in einigen Bereichen – etwa bei Bauprojekten oder beim Gebäudeunterhalt – an strengere Vorschriften gebunden, als es dies als Stiftung sein wird. Die Stiftung hat auch mehr Spielraum bezüglich Anschaffungen und weniger Einschränkungen im Kontakt nach aussen. Insgesamt gilt: Die Entscheidungswege sind kürzer. Ein Geschäft muss nicht den ganzen Instanzenweg durch die Stadtverwaltung durchlaufen. Sind sich Stiftungsrat und Einrichtungsleitung einig, können sie sofort handeln.»


Abschiedsgeschenk: Zehn Millionen Franken
Das Werk- und Wohnhaus zur Weid erhält von der Stadt Zürich ein Stiftungskapital von zehn Millionen Franken. Das bewirtschaftete und bewohnte Land gehört weiterhin der Stadt. Die Gebäude hingegen gehen in den Besitz der Stiftung über. Zudem wahrt die Stadt ihre Interessen in der Weid, indem der Stadtrat die Stiftungsräte wählt. Zu weiteren Einflussmöglichkeiten sagte Martin Waser: «Ausgliedern heisst auch loslassen. Das birgt ein gewisses Risiko. Weil der Stiftungsrat vom Stadtrat gewählt wird, kann der also darauf hinwirken, dass die strategische Führung der Stiftung, mit Personen besetzt ist, die der Stadt Zürich auf die eine oder andere Art verbunden sind. So haben wir geschaut, dass im Stiftungsrat auch Vertreterinnen und Vertreter des Gemeinderats der Stadt Zürich sitzen.»

Gesamtarbeitsvertrag war Bedingung
Und diese Stiftungsräte können auf ein bewährtes Team setzten. Gesamtleiter bleibt Hansruedi Sommer, der die Institution seit bald 20 Jahren erfolgreich und umsichtig leitet. Als Projektleiter war er von Beginn weg in den Ausgliederungsprozess eingebunden. «Er hat ihn mitgestaltet», sagt Reto Gugg «und überzeugend mitgetragen. So hielt sich die Verunsicherung beim Personal in Grenzen.» Stadtrat Waser legt Wert auf die Feststellung, dass zu den Eckpunkten des Ausgliederungsprojekts, auch der Abschluss eines Gesamtarbeitsvertrags gehörte, bei dem die Arbeitsbedingungen ähnlich sind wie bei der Stadt Zürich. «Das gab den Mitarbeitenden eine gewisse Sicherheit, und verhinderte, dass uns – durchaus begründeter – Widerstand entgegenschlug», sagte der Sozialdemokrat, der sich bei den nächsten Wahlen nicht mehr aufstellen lässt

Von Verunsicherung oder gar Widerstand war bei der Abschiedsfeier nichts zu spüren. Alle angesprochenen WWW-Mitarbeitenden erklärten, es bleibe alles beim Alten. «Wir haben zwar mehr Ferien», sagt Helen Von Allmen «dafür aber an den städtischen Feiertagen nicht mehr frei.»

Entscheidungswege werden kürzer
Nun es ändert sich natürlich noch mehr. Hansruedi Sommer zählt auf: «Wir sind nicht mehr eingebunden in die Stadtverwaltung, dadurch werden die Entscheidungswege kürzer, die Hierarchien flacher. Wir können Personalentscheide schneller fällen, Bauvorhaben einfacher abwickeln, Projekte schlanker planen und schneller realisieren. Das alles verändert auch meine Stelle. Als Geschäftsleiter bin ich direkt dem Stiftungsrat gegenüber verantwortlich. Ich freue mich auf diese Herausforderung und verstehe es als Privileg, zusammen mit meinem Team das WWW auch als Stiftung führen zu können. Ich bin zuversichtlich, dass das WWW den eingeschlagenen Weg erfolgreich bewältigen wird.»

«Die einen freut‘s, andere reut‘s»
So hat das Selbständigwerden, die Ausgliederung zwei Seiten. «Es ist wie wenn Kinder zuhause ausziehen», sagt Urs Leibundgut gegenwärtig Departementssekretär des Sozialdepartements, «die einen Familienmitglieder freut‘s, die anderen reut‘s.» Sagt‘s und erntete viel Gelächter. Leibundgut wird übrigens Direktor der Sozialen Einrichtungen und Betriebe und somit Nachfolger von Reto Gugg. Also bleibt auch hier fast alles beim Alten.

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